Handys statt Smartphones
Momentan liegt die ganze Aufmerksamkeit der Medien auf den Smartphones und den darauf arbeitenden Anwendungen. Man hat den Eindruck, dass Smartphones von Jedermann geliebt und begehrt werden. In der Realität bevorzugt ein Großteil der Nutzer weniger "intelligente" Handys, da diese oftmals einfacher zu bedienen sind.
Letzten Monat tauschte ich meine zwei Jahre altes Handy gegen ein modernes Smartphone ein. Irgendwie gab ich damals dem Marktdruck nach, denn ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass ich die letzte Person in Zentraleuropa sei, die ohne ein Smartphone herum lief. Seitdem entdecke ich jedoch immer mehr Smartphone-Verweigerer.
Zu meiner Überraschung gibt es noch viele Menschen die kein Smartphone wollen und auch nicht gebrauchen können. Diese Zukunftsverweigerer erhalten jetzt auch noch durch wissenschaftliche Studien erhöhte Aufmerksamkeit. Die neuesten Marktzahlen von Compete.com zeigen, dass die Freunde des klassischen Handys noch immer die Mehrheit der Mobilfunknutzer darstellen. Etwa 65 Prozent aller befragten Personen werden nach eigener Aussage bei der nächsten Handy-Neubeschaffung wieder zu einem "dummen" Handy greifen. Nur 35 Prozent aller befragten Personen planen den Umstieg auf Smartphones. Die erhöhten Telefonkosten der Telefone sind hier das wichtigste Argument, die einen Umstieg auf ein Smartphone verhindern. Das Privileg bunte Bilder und Videos mobil durch die Landschaft tragen zu können, lassen sich die Telekommunikationsunternehmen extra bezahlen. Außerdem benötigen die Befragten nicht alle Funktionen die die Smartphone heute bieten. Meist verfügten die "alten" Handys bereits über integrierte GPS-Funktionen, eine Kamera, einen MP3-Player, einen Browser und ein Farbdisplay zum Betrachten von extrem langsamen Videos. Was will man mehr? Auch stellen viele "Smartphone-Verweigerer" immer wieder fest, dass sie nicht intelligent genug sind, um mit einem Smartphone, dessen Anwendungen und Konfigurationsmöglichkeiten umzugehen. Obwohl ich über einen solides technisches Hintergrundwissen verfüge, kann ich die Verweigerer verstehen. Nachdem ich endlich stolzer Besitzer eines neuen Smartphone war konnte ich nach einer Woche bereits.
- ungestört mit einer Person telefonieren,
- noch keine Telefonkonferenzen initiieren,
- per SMS kleine Texte verschicken,
- Fotos und Filme aufnehmen,
- noch nicht auf meine nicht vollständig eingerichteten Kontakte zugreifen,
- rudimentär mit meinen Facebook-, Twitter- und Xing-Profile zugreifen und
- ich hatte immer noch nicht herausgefunden, wie man die Hälfte der Verknüpfungen zu den 50 vorinstallierten Anwendungen wieder löscht.
Die Nutzung von Android für einen Anfänger ist wie das Erlernen vom Skifahren. Ich konnte zwar das System in wenigen Minuten nutzen, aber ich hatte immer das Gefühl, dass meine verbleibende Lebenszeit nicht ausreichen würde, um die Vielfalt der Funktionen jemals meistern zu können. Auf der anderen Seite ist mein neues Smartphone auf Reisen eine große Freude. Ohne meinem Laptop zu öffnen kann ich auf meine drei E-Mail-Konten, Facebook und Twitter-Konten zugreifen, den Wetterbericht abrufen, den Status (Pünktlichkeit oder Verspätung) meines ICEs abrufe. All dies mache ich während einer Pause, während ich von meinem elektronischen Buch aufblicke. Dies war mit meinem alten Handy nicht möglich.
Interessanterweise haben nicht nur Neulinge von Android ähnliche Anfangsschwierigkeiten mit dem Umgang mit dem Smartphone-Betriebssystem, sondern auch die Smartphone-erfahrenen Nutzer von BlackBerrys. Einschlägige Umfragen zeigen, dass 49 Prozent der derzeitigen Besitzer von Android-Smartphones direkt von einem Handy auf die neue Technologie umgestiegen sind. Aber 13 Prozent der Neulinge wechselten von einem BlackBerry-Gerät in Richtung Android.
Nachdem sich ein Benutzer erst einmal an ein Betriebssystem gewöhnt hat, wird er nicht mehr so schnell einen Wechsel in Betracht ziehen. 11 Prozent der Android-Besitzer nutzen bereits ihr zweites Android-Gerät. Bei den Käufern von iPhones nutzen bereits 26 Prozent der Anwender die zweite Generation der Apple-Geräte und bei BlackBerry greifen 32 Prozent wiederholt zu einem RIM-Gerät. Das erstaunliche an diesen Zahlen ist nicht die Beständigkeit der Nutzer, sondern dass 11 Prozent der Befragten bereits ihr zweites Android-Smartphone nutzen. Die erste Android-Generation wurde erst im Herbst 2008 in die Läden gebracht und ist kaum zwei Jahre alt.
In den kommenden zwei Jahren wird es sicherlich zu einer Explosion im Smartphone-Markt kommen und wir werden neben noch bunteren Anwendungen und noch trickreicheren Einsatzgebieten noch mehr Sicherheitsprobleme mit den modernen Telefonen bekommen. Trotzdem werden sich viele Menschen diesem Trend widersetzen und noch eine weitere Runde mit ihrem alten und "dummen" Handys telefonieren. Die Prognosen deuten an, dass erst im Jahr 2015 die Smartphone-Nutzung den Hauptanteil der Kommunikation bewältigen wird. Schneller wird es gehen, wenn die Industrie die Nutzer von "dummen" Handys überzeugt, dass es Vorteile hat die "intelligenten" Telefone zu nutzen. Diese Vorteile sind jedoch bisher nicht in Sicht. (mat)
