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15.07.2012

Im Offline oder im Online leben?

Immer Online oder immer mehr Offline, scheint zur Grundsatzfrage des digitalen Zeitalters zu werden. Immer mehr Menschen schwören auf Programme und Konzepte, die das Internet zeitweise abschalten. Mangelt es den Nutzern an der richtigen Weltanschauung oder einfach nur an Selbstdisziplin?

Der typische Nichtnutzer des Internets ist weiblich, über 70 Jahre alt und wohnt auf dem Land abseits der großen Städte. Unter den 20- bis 29-Jährigen nutzen etwa drei Prozent das Internet nicht. Das Internet birgt viele Vorteile für das moderne Arbeiten und die Kommunikation. Mit E-Mail, Wikis, Blogs und anderen Online-Tools wird der Informations- und Wissensaustausch einfacher und schneller. Aber immer mehr Internet-Nutzer schalten das Internet bewusst ab. Konzentration, Fokussierung, kein ständiges Reagieren auf E-Mails, Statusmeldungen, Anfragen. Die Idee, das Internet bewusst aus dem Leben zu verbannen taucht in den Medien immer öfter auf. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Die Wahl zwischen dem Online- oder Offline-Dasein gehört zu den Herausforderungen des modernen Lebens. Aber dies sagt noch recht wenig über unsere Beweggründe aus. Als Mitglieder der digitalen Gesellschaft sind wir permanent online und geben meist vor, dass wir weniger Online-Sein bevorzugen würden.

Sind die Menschen in den Industrieländern inzwischen der totalen Vernetzung überdrüssig? Der Trend zum Offlinesein folgt bestimmten Zyklen. Wird das unaufhörliche Rauschen des Internets wieder einmal zu laut, folgt darauf die digitale Diät. Hauptsächlich kommen dann in den Medien solche Leute zu Wort und schwärmen vom "echten" Leben, die noch in einer Offline-Welt aufgewachsen sind. Wer heute einen Tag im Internet verbringe, hat mehr Bilder und Informationen aufgenommen, als ein Mensch des 12. Jahrhunderts in seinem ganzen Leben. Vielleicht ist es ja die Angst vor der allumfassenden Digitalisierung der Welt. Die Internet-Kritiker warnen seit Jahren vor den Folgen: Entmündigung, Kontrollverlust, Sucht, dadurch kappt die digitalen Welt noch den letzten Bezug zur Realität. Was früher Arbeitsgerät war, ist heute Ablenkungsmaschine. Nur das Ausloggen verheißt heute Entspannung, das Offlinesein verspricht das Aussperren der informationsplagenden Welt. Selbst einige Krankenkassen bieten spezielle Offline-Kurse an und es gibt inzwischen kostenpflichtige Programme, die dem Nutzer nach festen Zeiten die Internetverbindung kappen. Eine Woche ohne Internet gleicht für viele Menschen einem Überlebensakt. Woher nur kommt diese Faszination mit dem scheinbar Alltäglichen? Vielleicht entsteht im scheinbaren Chaos des Internets eine neue Sehnsucht nach Ordnung und Selbstdisziplin.

Der Glaube, dass das richtige Leben abseits des Internets stattfindet, ist für immer mehr Menschen ein utopischer Lebensraum. Nur in der Offline-Welt findet das wahre Leben statt. Viele ältere Nutzer verbinden mit dem Offlinesein etwas Nostalgisches. Das Abschalten der digitalen Welt liegt im Trend, denn seit Jahren ist zu beobachten (oder zu hören), dass die wahre Musik nur aus den Rillen schwarzer Vinylscheiben erklingen kann. In der Idealwelt träumt man von vergangen Zeiten, als es noch keine Offline/Online-Realitäten gab. "Damals", als wir noch nicht ständig auf E-Mails oder auf Viren Würmer und Trojaner reagieren mussten. Wie jede Nostalgie ist auch das Offlinesein eine naive Projektion. Auch ohne Internet ist die Offline-Realität nicht besser, nicht greifbarer, nicht echter. Die Überhöhung des Offlineseins erklärt das Alltägliche zu etwas Besonderem.

Für die "Digital Natives", die bereits als Kind mit dem Internet und den Smartphones aufgewachsen sind, schütteln über die Offline/Online-Diskussion ohnehin nur den Kopf. Für diese Gruppe ist das Internet keine externe Erweiterung ihrer Wirklichkeit, sondern ein Teil von ihr. Sie sind immer irgendwie Online und es existiert längst nicht mehr ein "nicht offline sein". Das Internet ist kein Raum, in den man sich ein- oder ausklinken kann. Die digitale Welt ist vielmehr mit dem Alltag fest  verwoben und eine klare Trennung beider Sphären existiert nicht mehr. Man entzieht sich bisweilen der Informationsflut und stellt einen räumlichen Abstand zu den digitalen Geräten her. Ein richtiges Offline gibt es für die digitalen Eingeborenen jedoch nicht mehr. Sie kennen es einfach nicht.

Das Offlineseins kennen die Jüngeren kaum noch und die Älteren überschätzen diesen Zustand. Für beide Gruppen gehört das Internet zum Alltag. Das Leben wird dadurch nicht echter, nicht authentischer. Eine digitale Diät nützt nichts, denn nur mit etwas Selbstbeherrschung kann man darauf verzichten.   (mat)