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03.06.2015

Strategiewechsel ist angesagt

Leistungen nach Bedarf aus der IT-Fabrik:

Die Zeit der Silos innerhalb der IT ist endgültig vorbei. Gefordert ist in den Unternehmen eine IT-Service-Strategie, die alle Abnehmer – die eigenen Mitarbeiter, die Mitarbeiter der Geschäftspartner sowie die Konsumenten im Internet – als Kunden begreift und adressiert. Dies ist nur möglich über das ganzheitlich Konzept einer IT-Fabrik, aus der heraus IT-Prozesse und IT-Services nach Bedarf gefertigt und bereitgestellt werden können.

Hadi Stiel

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Ulrich Pöhler

ComputerPartner hat sich mit Ulrich Pöhler, IT-Management-Spezialist bei Materna, über das Konzept und den Wechsel zu einer IT-Fabrik unterhalten.

Wodurch zeichnet sich das Konzept einer IT-Fabrik aus?

Pöhler: Dieses Konzept, angelehnt an die Produktionsmethoden der Industrie, versetzt Unternehmen in die Lage, durch eine weitgehende Standardisierung und Automatisierung der IT nicht nur Services in gleichbleibend hoher Qualität und zu vertretbaren Kosten zu fertigen und bereitzustellen. Eine solche IT-Fabrik befähigt außerdem die IT-Organisation dazu, die Servicebereitstellung flexibel dem sich immer wieder verändernden Bedarf anzupassen.

Welche grundsätzlichen Hürden müssen auf dem Weg zur IT-Fabrik überwunden werden?

Pöhler: Die IT der meisten Unternehmen ist durch Silos geprägt. ERP-, CRM- und Data-Warehouse-Inseln, dazu fachbereichsspezifische Datenbanken und Rechenzentrums-Infrastrukturen sind Beispiele dafür. Durch diese parallel aufgestellten und organisierten Silos wurden bisher die internen, begrenzten Geschäftsprozesse gestützt. Dieses Anforderungsprofil hat sich drastisch gewandelt. Services sollten mittlerweile geschäftsnah aus einem ganzheitlichen Daten- und Verarbeitungs-Pool heraus nach Bedarf gefertigt, den internen und externen Nutzern bereitgestellt und bei Bedarfsänderung flexibel anpassbar sein. Dazu müssen:

  • die Silos durch Modernisierung, Standardisierung und Konsolidierung der IT beseitigt oder zumindest überbrückt,
  • elastische Cloud-Infrastrukturen geschaffen,
  • IT-Prozesse und darüber IT-Services kostensparend automatisiert
  • und ein zentraler IT-Leitstand zur ganzheitlichen Überwachung, Bewertung und Steuerung der erbrachten Services etabliert werden.

Das ist nur der grobe Maßnahmenkatalog. Darüber hinaus sind viele Feinabstimmungen erforderlich, um letztlich die IT-Fabrik mit Leben zu erfüllen.

Können sie näher auf die notwendigen Feinabstimmungen eingehen?

Pöhler: Um auch die älteren, noch verbleibenden Systemsilos in den zentralen Leitstand einzubinden und sie von hier aus steuern zu können, müssen Orchestrierungsmechanismen zur Anwendung kommen. Für die Projektierung der IT-Fabrik sollten sich die Projektverantwortlichen an der Etappenfolge "Strategie", "Design", "automatisierte Bereitstellung", "Überwachung" und "dynamische Anpassung auf Basis eines Servicekatalogs" orientieren. 

So setzt eine IT-Fabrik, Stichwort "Strategie", eine Transformation der IT-Organisation und eine konsequente Ausrichtung der IT selbst entlang der zu erbringenden Services voraus. Diese Transformation und Ausrichtung muss durch die Gestaltung geeigneter und automatisierbarer IT-Prozesse "designt" werden. Bevor gemäß dem vorgegebenen Design die "automatisierte Bereitstellung" von IT-Services mittels automatisierter IT-Prozesse und IT-Service-Management (ITSM) anhand des Best-Practice-Modells ITIL vorangetrieben werden kann. Dazu muss gegebenenfalls die installierte ITSM-Lösung erweitert werden oder zu einer neuen ITSM-Version migriert werden. Danach sind die Realisierungsetappen "Überwachung" mit End-to-End-Service-Monitoring und "dynamische Anpassung auf Basis eines Servicekatalogs" dran. Für letzteres muss im Hintergrund ein dynamisches Change-Management, ebenfalls Teil von ITSM, herausgebildet werden.

Soviel steht fest: Um die IT-Fabrik bestmöglich steuern zu können, müssen Leitstand, Automatismen, Monitoring und Change-Management perfekt zusammenspielen.

Damit bleibt für die Unternehmen viel zu tun – also für sie eine Herausforderung?

Pöhler: Ja, aber am Ende der Wegstrecke zur IT-Fabrik winken den Unternehmen viele Vorteile. Dazu zählen:

  • umfassende, geschäftsprozessnahe Services in permanent hoher Qualität,
  • schlanke, kostensparende IT-Prozesse,
  • hohe Geschwindigkeit und Flexibilität bei der Servicebereitstellung,
  •  bessere IT-Ressourcenauslastung,
  •  mehr Kostenkontrolle in den leistungsbeziehenden Abteilungen durch transparente Kennzahlen
  • und zufriedenere Kunden.

Gemeint sind damit nicht nur die Kunden im Internet, sondern sämtliche Nutzer. Sie alle profitieren von der stets bedarfsgerechten und dadurch geschäftsnahen Servicebelieferung auf hohem Niveau.

Trotz der vielen lukrativen Vorteile, die später mit der Realisierung der IT-Fabrik winken: Wie bekommen die Unternehmen bis dahin das umfangreiche Vorhaben in den Griff?

Pöhler: Wir empfehlen den Unternehmen eine schrittweise Annäherung an die IT-Fabrik, dabei von Anfang an einen ganzheitlichen, Workload-zentrierten Ansatz zu verfolgen, wie er den neuen, auf Cloud-Computing und Internet getrimmten Systemen zu eigen ist. So können Unternehmen beispielsweise mit den IT-Systemen oder RZ-Infrastrukturneuerungen starten, die ohnehin auf ihrer Modernisierungsagenda stehen. Das senkt die Investitionsschwelle erheblich. Außerdem empfiehlt es sich, sich vorerst auf hochfrequentierte IT-Leistungen zu konzentrieren. Ihre Bereitstellung durch IT-Prozess- und -Serviceautomatisierung zu optimieren, zahlt sich für die Organisation besonders schnell aus. Zumal dadurch manuelle Eingriffe entfallen. Sie sind fehlerträchtig und mit unnötigen Aufwendungen verbunden. Richtig geplant, hat das Unternehmen zudem beim schrittweisen Aufbau der IT-Fabrik und Cloud-Struktur die Wahl, ob es Services selbst produziert oder dafür, beispielsweise aus Kostengründen, einen Dienstleister wie Software-as-a-Service (SaaS)-, Platform-as-a-Service (PaaS)- oder Infrastructure-as-a-Service (IaaS)-Provider heranzieht.

Werden die meisten Unternehmen nicht bei der Größe des Vorhabens auf kompetenten externen Beistand angewiesen sein?

Pöhler: Bis vielleicht auf wenige Konzerne werden die Unternehmen für einen erfolgreichen Ablauf des Vorhabens professionellen Beistand dringend brauchen. Ohne ihn würden die Unternehmen bei der hohen Komplexität des Gesamtprojekts in viel zu viele Risiken hineinlaufen, dadurch schnell das Projekt in den Sand setzen. An externem Beratungs-Know-how zu sparen, wäre also sträflich, weil buchstäblich unproduktiv und alles andere als weg- und zielführend.

Allerdings sollte sich das Unternehmen den Beratungs- und Dienstleistungspartner genau anschauen. Der Partner sollte in allen wichtigen Handlungsfeldern auf dem Weg zur IT-Fabrik sattelfest sein, also Transformation der IT-Organisation, Standardisierung und Konsolidierung der IT, Orchestrierung, Strategie, Design, automatisierte Bereitstellung, Überwachung und dynamische Anpassung auf Basis eines Servicekatalogs. "Sattelfest" heißt in diesem Zusammenhang, das unterstützende Beratungs- und Dienstleistungshaus sollte erfolgreiche Projekte in diesen Feldern anhand mehrerer Referenzen nachweisen können. Das, wiederum, wird es nur können, wenn es über breites Spezialwissen verfügt und im Projektverlauf auf geeignete, praxiserprobte Konzepte, Methoden und Werkzeuge zurückgreifen kann.

*Das Interview führte Hadi Stiel, freier Journalist und Kommunikationsberater in Bad Camberg.
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