Die Börsen greifen zu jedem Strohhalm
Alle blicken wie gebannt auf die Wirtschaftszahlen. Zeigt die Wirtschaftskrise bereits Bodenbildung? Oder ist dieser Boden, auf dem sich fundamentale Wirtschaftsdaten langsam aber sicher verbessern könnten, noch weit entfernt?
revor Greetham, Fondsmanager des Fidelity Funds, sieht die Krise durch einige Hoffnungszeichen im industriellen Sektor vorübergehend abgemildert. Was seine Portfolio-Ausrichtung betrifft, verhält er sich dennoch defensiv. "Denn", sagt Greetham, "ein dauerhafter Aufschwung scheint noch fern zu sein." Auch wenn der steigende Einkaufsmanagerindex vermuten ließe, dass der Einbruch in Industrie und Handel zurückgehe, so Greetham weiter. Im Klartext heißt das, vom freien in den gebremsten Fall. Realistisch betrachtet, geht weiterhin alles drunter und drüber. "Vormals sichere Häfen wie globale Gesundheitswerte und der japanische Yen erleben einen Ausverkauf", beobachtet der Fondsmanager. Dagegen zögen volatile Werte wie Aktien und Rohstoffe an. Und dann die Schreckensbotschaft der Wirtschaftweisen: In 2009 soll das BIP (Brutto-Inlands-Produkt) um etwa -6 Prozent einbrechen.
Es scheinen mehr die Affekthandlungen von Großinvestoren zu sein, die das Geld in die Börsen pumpen und die Kurse ab und an nach oben treiben. Schnell macht sich unter den Investoren die Begeisterung für milliardenschwere Rettungsfonds und wirtschaftliche Lockerungen breit. Genauso schnell folgt aber die Ernüchterung. Denn die Maßnahmen greifen längst nicht so schnell wie unter der ersten Euphorie angenommen. Dafür treten die potenziellen Folgen solcher Maßnahmen um so plastischer vor Augen. Gigantische staatliche Unterstützungsprogramme - allein die USA hat binnen zwei Jahren rund 6 Billionen US-Dollar spendiert - rufen nach der Krise förmlich nach einer inflationären Entwicklung. Zuvor könnte sich, trotz heiß laufender Notenpressen, in den Industriestaaten eine Deflation mit all ihren Nachteilen wie Geldaufwertung, Konsum- und Investitionszurückhaltung breit machen. Die so genannte Inflationsrate, dazu die Leitzinsen, bewegen sich schon heute in allen Industriestaaten gefährlich auf Null zu oder sind schon bei Null angekommen.
Wer mag kurzzeitigen Strohfeuern an den wichtigsten Börsen dieser Welt trauen, wenn beispielsweise die USA die Bilanzierungsregeln für Wertpapiere gelockert hat. Auf Geheiß des FASB (Financial Accouting Standard Board) können Banken und sonstige Unternehmen die Verluste ihrer Investments weit unterhalb des realen Buchwerts ausweisen. Kritiker sprechen von einer gefährlichen Verheimlichung von Verlusten und Risiken, die dennoch weiterhin im Markt kursieren. Denn Risikowillige sollen später diese Ramschpapiere, nicht einmal "A", kaufen. Was sind die besseren Quartalsergebnisse einiger noch vor kurzem gescholtener US-Banken wert, wenn sie ihre Verluste nach den neuen Bilanzregeln drastisch schönen können? Was, wenn die Rettungsgelder nicht nur dazu genutzt wurden, um die Eigenkapitaldecke aufzupolstern, sondern auch ins operative Betriebsvermögen einflossen? Dann wäre hinsichtlich dieser Quartalsergebnisse äußerste Vorsicht geboten. Anfang April hatte die Bank of America auf ein erholtes Quartalsergebnis gezeigt. Jetzt offenbart der Stresstest, dass sie weitere 34 Milliarden Dollar braucht. 10 der größten US-Banken sollen zusammen nochmals 74 Milliarden Dollar brauchen. Kritiker halten den Stresstest für wenig aussagekräftig. Sie qualifizieren alle 19 getesteten Banken als quasi Pleite.
Der IWF (Internationale Währungsfonds) alarmiert: Die Verluste, die noch in toxischen US-Papieren schlummern, werden bis 2010 doppelt so hoch ausfallen, wie noch vor kurzem angenommen. Das Platzen der nächste Billionen-Finanzblase, die der US-Kreditkarten, steht bevor. Insider veranschlagen vorsichtig, dass 10 Prozent des US-Kreditkartenkaufvolumens unwiederbringlich verloren sind. 10 Prozent bei dem durch Kreditkarten getragenen Konsumausgaben entsprachen allein in 2008 deutlich über 2 Billionen Dollar. Denn bar gezahlt wurde in den USA in der Regel nur bei Kleinbeträgen bis 20 Dollar.
In Deutschland konnten sich die Börsianer kurzzeitig über die Kursentwicklung gewichtiger Versorger wie EON und RWE freuen und Hoffnung schöpfen. Aber zu welchem Preis? Das Versorgungsquartett, also einschließlich Vattenfall und EnBW, hat offensichtlich sein Marktgewicht zu Absprachen genutzt, um über eine reduzierte Stromerzeugung die Preise künstlich hoch zu halten. Das hat das Bundeskartellamt aufgerüttelt. Und die Börsen als Krisen- und Gierbeschleuniger? Sie dürfen sich darüber freuen, weiterhin nicht angetastet zu werden. Forciert durch ihre kurzfristigen und kurzsichtigen Botschaften wird so kaum eine konstruktive Ruhe und Bodenbildung einkehren. Das einzige Finanzprodukt, das gemäß dem G20-Krisengipfel zumindest überwacht werden soll, sind Hedge Fonds. Von anderen hochspekulativen Anlagen wie Private Equity, Optionen, Warentermingeschäfte sowie die in Bad Banks gehorteten giftigen Ramschpapiere keine Rede.
Waren dies nicht die unregulierten, aus der Deckung abgeschossenen Kaliber der jüngsten Vergangenheit, die uns in die Weltfinanz- und Weltwirtschaftskrise katapultiert haben? "Viele Zeitgenossen, die sich mehr als nur ein Revival eines ungezügelten Kapitalismus versprochen hatten, fragen sich jetzt, ob der Belzebub mit dem Teufel ausgetrieben werden soll", beschreibt Thomas Feil, Rechtsanwalt in Hannover. "Mit diesen wirtschaftlich wie finanzwirtschaftlich kaum kalkulierbaren Rahmenbedingungen sind auch die IT-Anbieter und IT-Anwender konfrontiert." Sie könnten sich in zwei Fraktionen aufteilen: "In Optimisten, die den ersten positiven Signalen Glauben schenken und weiterhin an eine unregulierte Finanzwirtschaft und Wirtschaft glauben. In Zeitgenossen, die mit Recht nach den Ursachen der Krise fragen und nach Maßnahmen, ihnen nachhaltig zu begegnen - darauf aber bisher vergeblich warten." Beiden Gruppen, vor allem den IT-Anwendern, ist aber nach Feil eines gemeinsam: "Sie werden, bis sich fundamentale Wirtschaftsdaten erholen werden, eine abwartende Haltung einnehmen."
Und nach der Krise? Dann wird nichts mehr wie vor der Krise sein. Ohne nennenswerte Regulationen vor allem im Finanzmarkt könnte der nächste Kollaps nur eine Frage der Zeit sein. Bis es soweit ist, wird das Damokles-Schwert einer Inflation über alle wirtschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Aktivitäten schweben. Versuche, die gewaltigen Schuldenlasten zumindest teilweise über eine noch höhere Besteuerung abzubauen, würden zu weiteren Belastungen für Markt und Konsum führen. Aber die Steuersysteme in den Industrienationen sind ohnehin weitgehend ausgereizt.
Für Andreas Ziegenhain, Deutschland-Chef von Siemens IT Solutions and Services, steht außer Frage: "Auch die Wirtschaftskrise bietet, solange sie andauert, Chancen." Wichtig für IT-Anbieter wie für IT-Anwender sei, sich auf die veränderten Rahmenbedingungen eines stagnierenden Marktes einzustellen. Für die IT-Anbieter heiße dies, noch planvoller für ihre Produkt- und Dienstleistungen einzutreten. Dazu gehöre, größere Projekte, beispielsweise zur Optimierung von Geschäftsprozessen, zu modularisieren, um sie bei den Anwendern schrittweise und aufeinander aufbauend einführen und umsetzen zu können. Ziegenhain: "Als Projektstrategie für die Dauer der Krise sollte gelten: die für den Anwender lohnendsten Etappen zuerst." Diese auf Einsparungen und eine kurzfristige Amortisierung ausgelegte Strategie käme auch im Einkauf und beim Controlling gut an. Nicht nur umfassende Projekte zur Geschäftsprozessoptimierung, sondern auch andere wie Identity- und Access-Management (IAM) und IT-Auslagerungen könnten nach diesem krisenfesten Muster geplant und realisiert werden. Nach Aussage des CEO spricht ein weiterer, triftiger Grund dafür, keinesfalls innezuhalten. "Die Unternehmen können es sich weder während noch für die Zeit nach der Krise erlauben, dringend notwendige IT-Innovationen und -Investitionen zu lange aufzuschieben, ohne ihre Geschäfte unter vehementem Kosten- und Konkurrenzdruck auf´s Spiel zu setzen." Ziegenhain geht für die Zeit nach der Krise von einem schärferen Wettbewerb im Vergleich zur vorhergehenden Aufschwungphase aus.
Auch Erik Masing, CEO von alfabet, plädiert angesichts der Wirtschaftskrise mit für die Anwender widrigen Umsatz- und Gewinnbedingungen für eine bessere Projektkultur. Das schließe im Projektvorfeld notwendige, kostenfreie Leistungen ein. "Ein Beispiel dafür sind intensive Interviews mit den Stakeholdern der Unternehmen gepaart mit einer Analyse, inwieweit durch Bündeln bisher verteilt vorhandener, aber nicht konsistenter Informationen konkreter geschäftlicher Nutzen erzielt werden kann." Auf diese Weise könnten IT-Projekte, bei denen Kosten und Ertrag in keinem wirtschaftlich vertretbaren Verhältnis stehen, oft von vornherein ausgeschlossen werden. Besonders die Zusammenführung bisher separat geführter, organisationsweit nicht konsistenter Datenbestände habe für die Verantwortlichen und Zuständigen einen weiteren Vorteil. Masing: "Sie können auf dieser umfassenden soliden Datenbasis die Projektabwicklung effektiver und effizienter steuern, Fehlentwicklungen frühzeitig ausschließen oder zumindest mildern." In diesem Kontext sieht er die Bedeutung von IT-Planungswerkzeugen, zusätzlich gepusht durch die Krise, wachsen. "Sie sind gerade in dieser Phase für die Unternehmen buchstäblich viel Geld wert, weil die knappen Ressourcen viel zielgerichteter eingesetzt werden", so der CEO. Professionelle IT-Planungswerkzeuge treffen nach Masing in einer weiteren Hinsicht ins Schwarze: "Sie verschaffen Kostentransparenz sowohl bei der Projektabwicklung als auch im IT-Betrieb." Er verweist auf eine Umfrage von Forrester. Danach sind transparente IT-Kosten und stichhaltige Informationen zu erforderlichen IT-Kapazitäten für die Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten besonders wichtig.
Oder es entstehen Sonderkonjunkturen, nämlich dort, wo Unterstützungsgelder hingeflossen sind oder künftig hinfließen werden. Die Groß- und viele Landesbanken, gestützt durch Milliardenbeträge, sind gute Beispiele dafür. Zumal sich auch für deutsche Banken laschere Bilanzierungsregeln und Bad Banks mit dem Staat als Gläubiger für die Abschreibung toxischer Verlustpapiere abzeichnen. Dadurch werden erhebliche Gelder aus den bereits bereitgestellten Milliardenbeträgen frei werden. Feil: "Sie können, außer in die Eigenkapitaldecke, ins operative Betriebsvermögen einfließen, um unter anderem dringend notwendige IT-Projekte voranzutreiben." Übernahmen, wie die der Dresdner Bank durch die Commerzbank und der Postbank durch die Deutsche Bank, machten zusätzlich Druck, nicht nur organisatorisch, sondern auch informationstechnisch nachzuziehen. "Denn das", so Feil, "ist für beide Großbanken die einzige Möglichkeit, sich in der Krise schlagkräftig und widerstandsfähig zu formieren."
Thomas Schröder, Leiter Vertrieb FTTX in Deutschland bei Alcatel-Lucent, sieht in der Breitbandstrategie der Bundesregierung eine weitere Chance für eine Sonderkonjunktur. "Vorerst sollen 150 Millionen Euro bereitgestellt werden, um die erhebliche Diskrepanz zwischen LAN- und WAN-Zugangsanschlüssen zu reduzieren." Er verweist auf einen Dreistufenplan: "Bis Ende 2010 sollen Breitbandanschlüsse flächendeckend, also bis in die dünn besiedelten Bereiche Deutschlands hinein, zur Verfügung stehen. 2014 sollen 75 Prozent dieser Anschlüsse 50 Mbit/s und mehr an Bandbreite vorhalten. Bis 2018 soll diese hohe Zugangsbandbreite flächendeckend bereitstehen." Nach Schroeder setzt die Umsetzung dieser Strategie einen Generationswechsel von Kupfer- auf Glasfaserverkabelung innerhalb der letzten Meile voraus. Er zeigt auf Zugangstechnologien wie P2P-FE/GE, GPON und NGPON. "Mit VDSL über Kupferverkabelung ist vom Kabelverzweiger ausgehend spätestens bei 55 Mbit/s Schluss", erklärt er. "Es eröffnet somit keine langfristigen Ausbaumöglichkeiten und keinen Investitionsschutz." Potenzielle Absatzgebiete für den Ausbau des Breitbandnetzes sieht er nicht nur bei den Netz- und Service-Betreibern. "Städte und Gemeinden ebenso wie Stadtwerke können in die Rolle schlüpfen, die breitbandige Infrastruktur aufzubauen." Beide hätten den Vorteil, für die Errichtung des Glasfasernetzes auf die bestehenden Leerrohre für den Gebäude- respektive Raumanschluss zurückgreifen zu können. Anders als den Städten und Gemeinden, die keine direkten Kundenbeziehungen unterhalten dürfen, könnten Stadtwerke neben der passiven Infrastruktur die aktive Infrastruktur und multimediale Dienste bereitstellen. Dass Schroeder vor allem viel Hoffnung in die kommunalen Einrichtungen als Impulsgeber für eine Breitband-Sonderkonjunktur setzt, hat einen weiteren Grund: "Sie planen, anders als die Privatwirtschaft, eine langfristige Amortisierung ihrer Investitionen und Aufwände ein." Etwa 50 Milliarden Euro sollen notwendig sein, um alle drei Stufen der Breitbandstrategie mit Leben zu erfüllen.

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